Das Wichtigste in Kürze
- Die Technik ist nicht mehr der Engpass: Prozesse, Kontext und Vertrauen entscheiden, ob KI im Unternehmen wirkt.
- Das Live-Experiment beim AI Superevent 2026 hat in drei Tagen ein Unternehmen gegründet, aber das Umsatzziel von 1.000 Euro verfehlt. Der Grund war fehlendes Vertrauen, nicht fehlende Technik.
- Erst den Prozess analysieren, dann automatisieren. Viele Abläufe brauchen gar keine KI, sondern ein Skript.
- KI-Agenten sind nur so gut wie ihr Kontext: Ein zentraler Ort der Wahrheit bringt mehr als ein größeres Modell.
Drei Tage, eine Eventlocation in der Seestadt Aspern, rund drei Dutzend Programmpunkte: Vom 25. bis 27. September 2026 lief in Wien das AI Superevent des AI Training Institute. Wir von Degeler Consulting (DC) veranstalten es mit, und Felix stand selbst zweimal auf der Bühne. Hier ist, was wir mitnehmen, verdichtet auf die Punkte, die für Unternehmen im Mittelstand ab Montag zählen.
Die kürzeste Zusammenfassung: Die Technik ist nicht mehr der Engpass. Die Engpässe heißen Prozesse, Kontext und Vertrauen. Fast jeder Vortrag landete am Ende bei einer dieser drei Stellen.
Ein Unternehmen in drei Tagen gründen geht. Verkaufen nicht.
Das Live-Experiment zog sich durch alle drei Tage: Ein Team um Liam Schmid und Flo Huber gründete auf offener Bühne ein Unternehmen, mit KI-Agenten als Mitarbeitenden. Das Ziel: 1.000 Euro Umsatz bis Sonntagnachmittag. Aus rund 80 eingereichten Ideen wurde ein Website-Express-Service für Solo-Selbstständige, samt Marke, Landingpage, Stripe-Anbindung und Werbekampagnen.
Das Umsatzziel wurde verfehlt. Die Website hatte laut Abschluss-Update 800 bis 900 Besucher:innen, das Produkt kam gut an, gekauft hat trotzdem kaum jemand. Die Diagnose des Teams: Es fehlte Vertrauen. Ein Detail sagt dazu viel: Das Impressum gehörte zu den auffällig oft besuchten Seiten. Menschen prüfen, wer hinter einem Angebot steckt, bevor sie zahlen.
Für uns ist das die wichtigste Lehre des Wochenendes. KI verkürzt den Weg von der Idee zur ersten Kampagne auf unter 48 Stunden. Den Weg vom ersten Klick zum ersten Kauf verkürzt sie nicht, denn der läuft über Vertrauen. Und Vertrauen baut sich nicht per Prompt auf.
Erst den Prozess verstehen, dann automatisieren
Felix Schmidt zeigte am Beispiel eines Taxiunternehmens, wie die tägliche Fahrtenplanung von zweieinhalb Stunden auf eine Viertelstunde schrumpfte. Der erste Hebel war nicht die KI, sondern die Prozessanalyse: Viele Abläufe sind deterministisch und lassen sich mit Skripten oder Low-Code-Tools wie n8n, Make oder Zapier lösen. KI kommt dort zum Einsatz, wo sie echten Mehrwert bringt, etwa bei wiederkehrenden Dialyse- oder Schülerfahrten.
Marcus Wagner berichtete von 7.000 Recruiting-Anrufen durch einen KI-Voicebot. Seine harte Wahrheit: Die Technik ist selten das Problem. Solche Projekte scheitern, wenn die Mitarbeitenden vor Ort nicht mitgenommen werden. Und die KI ist keine perfekte Maschine, sondern eher eine Kollegin mit Fehlern.
Das deckt sich mit dem, was wir in Projekten sehen: Wer einen ineffizienten Ablauf automatisiert, hat danach einen schnelleren ineffizienten Ablauf. Genau hier setzen wir mit Unternehmen an.
Kontext ist der eigentliche Engpass von KI-Agenten
Am Sonntag kamen zwei Vorträge unabhängig voneinander zum selben Schluss. Florian Schuenemann zeigte, warum KI-Agenten falsche Entscheidungen treffen: nicht aus fehlender Intelligenz, sondern aus fehlendem oder veraltetem Kontext. Überfüllte Kontextfenster machen Agenten unzuverlässiger, ein zentraler Ort der Wahrheit mit Quelle, Gültigkeit und Zeitstempel macht sie verlässlicher.
Vincent Mumme übersetzte das ins Persönliche: ein PersonalOS, also ein strukturierter Ordner mit Zielen, Projekten und Entscheidungen, in dem jede Information genau einen zuständigen Ort hat. Eine Anleitungsdatei erklärt jedem Agenten, wie er mit dem System umgehen soll, egal mit welchem Tool. Automatisiert wird erst, wenn diese Grundlage steht.
Wir arbeiten nach diesem Prinzip, und zwar schon lange, bevor es um Agenten ging. Warum ein Single Point of Truth die Voraussetzung für gute Zusammenarbeit ist, gilt für Menschen und Maschinen gleichermaßen.
Schneller ist nicht automatisch besser
Ein roter Faden, der uns überrascht hat: Mehrere Keynotes warnten vor dem Tempo, das KI mit sich bringt. Esenija Schwerdfeger sprach über Zeitreichtum statt Zeithunger. KI spart keine Zeit, wenn wir Prozesse nur beschleunigen statt sie neu zu denken. Koordination und Kontrolle kosten dann oft mehr Energie als vorher.
Marit Brademan stellte das Konzept des Selective Offloading vor: KI gezielt einsetzen, um Denkprozesse zu entlasten, ohne sie zu ersetzen. Wer unreflektiert auslagert, riskiert eine Kompetenzillusion, also kurzfristige Erfolge bei langfristigem Wissensverlust. Roger Basler de Roca schloss den Samstag mit dem Produktivitätsparadox: Gesparte Zeit fließt fast immer in mehr Arbeit, nicht ins Nachdenken.
Unser Takeaway: Die entscheidende Frage ist nicht, wie viel schneller du mit KI wirst, sondern wofür du die gewonnene Zeit einsetzt.
KI hat einen messbaren Fußabdruck
Felix hat gemeinsam mit Phillipp Risch am Freitag Graue Zellen vorgestellt: ein Werkzeug, das den Energieverbrauch der KI-Nutzung in Unternehmen sichtbar macht. Die Kernbotschaft: Die meisten unterschätzen, was ihr tägliches Arbeiten mit KI an Energie kostet, und die Anbieter liefern dazu kaum transparente Zahlen. Deshalb messen wir selbst und kennzeichnen jede Zahl als gemessen oder geschätzt.
Wer sehen will, wie das in der Praxis aussieht: Unser eigener KI-Fußabdruck ist öffentlich und wird täglich aktualisiert.
Datenschutz und Sicherheit sind lösbar, Angst davor ist es nicht
Felix Schweinebraten brachte es im Titel seiner Keynote auf den Punkt: Die DSGVO bremst euch nicht, eure Angst davor schon. KI-Agenten sollten wie Mitarbeitende behandelt werden, mit klaren Befugnissen, Kontrollen und menschlicher Prüfung der Ergebnisse. Für falsche Ausgaben haftet, wer das Tool einsetzt, nicht der Anbieter.
Falko Werner zeigte live, dass per Vibe-Coding gebaute Anwendungen dieselben Sicherheitsprüfungen brauchen wie klassische Software: keine API-Keys im Code, Security-Tests vor und nach dem Livegang, Schutz gegen Prompt-Injection. Adrian Schmidt und Stefan Starflinger demonstrierten, wie sich ein Business mit lokaler Open-Source-KI betreiben lässt, sodass sensible Daten das Haus gar nicht erst verlassen.
Websites werden für Menschen und Agenten gebaut
In der Talk-Show am Freitagnachmittag mit Gaston Geilenkothen, Markus Hartlieb, Raphael Schaad und Felix ging es um die Frage, wohin der Mittelstand steuert. Eine These blieb hängen: Der Traffic durch KI-Agenten hat den von Menschen bereits überholt. Websites müssen deshalb für beide Zielgruppen funktionieren. Passend dazu wurde das Buch Gebt der KI ein Zuhause präsentiert und an alle Teilnehmenden verteilt.
Ramtin Ghasemipour-Yazdi führte den Gedanken am Sonntag unter dem Stichwort Zero UI weiter: Agenten wählen Produkte aus, prüfen Budgets und kaufen ein, ganz ohne klassische Benutzeroberfläche. SEO verschiebt sich damit von Keywords für Menschen zu strukturierten Daten für Maschinen. Genau deshalb bauen wir Artikel wie diesen mit klaren Antworten, FAQ und Schema-Markup.
Das Wichtigste passiert zwischen den Sessions
So dicht das Programm war: Hängen bleiben die Begegnungen. Beim Blind Dinner am Freitagabend hat eine KI Sechsertische in Wiener Lokalen zusammengestellt, wer mit wem isst, erfuhr man erst vor Ort. Auf der Side Stage hatten die Young Explorers zwischen 15 und 21 Jahren ihr eigenes Programm. Dazu kamen ein Poetry Slam über KI und Bürokratie und die Community Awards für die Menschen, die das ganze Jahr über andere mitziehen.
Das AI Superevent soll auch nächstes Jahr wieder stattfinden. Wer dabei sein will, findet alle Infos beim AI Training Institute.




