Das Wichtigste in Kürze
- Eigene Tools mit KI zu bauen geht ohne Programmierkenntnisse, wenn du mit einer einzelnen fehlenden Funktion statt einer kompletten Software anfängst.
- Die meisten Software-Abos werden nur zu etwa einem Drittel genutzt, bezahlt wird das Ganze.
- Degeler Consulting hat mit Claude Zoom, Make und die Sprechererkennung von Fireflies ersetzt, die heute lokal läuft.
- Buchhaltung, Compliance und geschäftskritische Systeme gehören weiterhin zu spezialisierten Anbietern, weil dort Haftung, Updates und Support mitbezahlt werden.
Ja, du kannst ohne Programmierkenntnisse eigene Tools mit KI bauen, wenn du klein anfängst: mit einer einzelnen Funktion, die dir fehlt, statt mit dem Nachbau einer kompletten Software. Felix Degeler, Gründer von Degeler Consulting (DC) in Wien, hat auf diesem Weg mit Claude mehrere Software-Abos ersetzt, darunter Zoom und Make. Buchhaltung, Compliance und geschäftskritische Systeme kaufst du trotzdem besser ein.
Ich bin kein Entwickler und kann keine einzige Zeile Code schreiben. Trotzdem läuft inzwischen ein großer Teil unseres Business auf Werkzeugen, die ich selbst gebaut habe. Angefangen hat das nicht mit einem Plan, sondern mit purem Frust.
Der Auslöser: ein fehlender Button
Mein Kalender konnte eine simple Sache nicht: einen 30-Minuten-Termin mit einem Klick auf eine Stunde verlängern. Klingt lächerlich, hat mich aber jahrelang begleitet. Ich habe etliche Tools ausprobiert, keins konnte es.
Irgendwann habe ich aufgehört zu suchen und die Funktion mit KI einfach selbst gebaut. Und in dem Moment kippte etwas im Kopf: Wenn ich mir das bauen kann, warum zahle ich dann noch für den ganzen Rest?
Was ist Vibe Coding, und brauche ich dafür Programmierkenntnisse?
Vibe Coding ist Software-Entwicklung, bei der du in normaler Sprache beschreibst, was ein Werkzeug tun soll, und eine KI wie Claude den Code dafür schreibt, testet und anpasst. Programmierkenntnisse brauchst du dafür nicht, wohl aber eine klare Vorstellung davon, was am Ende herauskommen soll.
Deine Rolle verschiebt sich dabei vom Schreiben zum Beschreiben und Prüfen. Du erklärst den Ablauf, probierst das Ergebnis aus und meldest zurück, was nicht passt. Das ist näher an der Arbeit einer Projektleitung als an der eines Entwicklers.
Der Unterschied zu klassischen No-Code-Baukästen: Du bist nicht auf die Bausteine eines Anbieters beschränkt. Was die KI schreibt, gehört dir, läuft dort, wo du es hinstellst, und lässt sich jederzeit weiter anpassen.
Die Bestandsaufnahme: Wofür zahlen wir eigentlich?
Also habe ich mir alle unsere Tools einzeln angesehen. Fireflies zum Beispiel wollte Aufpreis dafür, dass es Gesprächspartner beim Namen nennt statt Sprecher 1, 2 und 3. Die Sprechererkennung habe ich selbst gebaut, sie läuft heute lokal auf meinem Rechner, und die Gesprächsdaten verlassen ihn nicht.
Danach ging es Schlag auf Schlag: Zoom raus, Make raus. Unser Terminsystem läuft inzwischen auf einer eigenen Lösung, meet.degeler.consulting, auf Servern in der EU. Warum ein eigenes Buchungssystem mehr ist als Kostenersparnis, steht in Zeitmanagement ist kein Kalender-Thema, sondern ein System-Thema.
Das Muster: Du zahlst für zwei Drittel, die du nie nutzt
Die meisten Tools, für die wir zahlen, nutzen wir vielleicht zu einem Drittel. Den Rest zahlen wir einfach mit. In den meisten Unternehmen dürfte das nicht anders sein.
KI verschiebt hier die Rechnung. Das Drittel, das du wirklich brauchst, lässt sich heute oft in Stunden selbst bauen, zugeschnitten auf deinen Ablauf statt auf den Durchschnittskunden eines Anbieters.
Nicht jedes Tool gehört ersetzt, und manches bleibt aus guten Gründen, wie in Warum wir ein Tool rauswarfen, das auf dem Papier perfekt war beschrieben. Aber jedes Abo verdient die Frage, ob du es wirklich nutzt.
Wie fange ich an, mit Claude eigene Software zu bauen?
Du fängst mit einer Abo-Inventur an und baust dann genau eine Funktion, nicht mehr. So gehst du vor:
Schritt 1, Abo-Inventur: Schreib jedes bezahlte Tool auf und daneben die zwei oder drei Funktionen, die du im Alltag tatsächlich nutzt. Die Lücke zwischen Liste und Rechnung zeigt dir, wo sich Selbstbauen lohnen könnte.
Schritt 2, eine fehlende Funktion zuerst: Such dir die eine Sache, die dich täglich nervt oder für die ein Anbieter Aufpreis will. Bei mir war es ein Button im Kalender. Ein kleines, klar umrissenes Problem ist der beste erste Auftrag für die KI.
Schritt 3, klein bauen: Beschreib Claude den Ablauf so, wie du ihn einer neuen Kollegin erklären würdest, mit Beispiel, gewünschtem Ergebnis und dem, was auf keinen Fall passieren darf. Probier die erste Version sofort aus und verbessere in kurzen Runden.
Schritt 4, Hosting bewusst wählen: Überleg vor dem ersten Kundendatensatz, wo das Tool läuft. Lokal auf deinem Rechner oder auf einem Server in der EU behältst du die Kontrolle über die Daten. Unsere Sprechererkennung läuft lokal, unser Buchungssystem auf EU-Servern.
Schritt 5, Wartung einplanen: Ein selbst gebautes Tool ist nie ganz fertig. Schnittstellen ändern sich, Abhängigkeiten brauchen Updates, und irgendwann willst du eine Funktion mehr. Plane dafür feste Zeit ein, sonst wird aus der Ersparnis eine Baustelle.
Selbst bauen oder kaufen: Woran erkenne ich den Unterschied?
Selbst bauen lohnt sich, wenn du nur einen kleinen Teil eines Tools brauchst und ein Ausfall dein Geschäft nicht lahmlegt. Kaufen ist besser, wenn ein Anbieter Pflichten für dich übernimmt, die du selbst nicht tragen willst.
Erste Prüffrage: Nutzt du mehr als die Hälfte der Funktionen? Dann trägt das Tool vermutlich sein Geld, und Nachbauen kostet dich mehr Zeit, als es spart.
Zweite Prüffrage: Was passiert, wenn das Tool einen Tag nicht läuft? Wenn die Antwort „dann stehen Umsatz oder Kund:innen still“ lautet, gehört es in professionelle Hände mit Support und Ausfallsicherheit.
Dritte Prüffrage: Hängen gesetzliche Pflichten daran? Aufbewahrungsfristen, Rechnungsvorgaben oder Nachweispflichten sind bei spezialisierten Anbietern besser aufgehoben als in einem Wochenendprojekt.
Vierte Prüffrage: Bist du bereit, das Tool zu pflegen? Wer baut, übernimmt die Verantwortung für das, was er gebaut hat. Wenn niemand im Team dafür Zeit hat, ist das Abo die bessere Wahl.
Wann solltest du keine eigenen Tools bauen?
Bei Buchhaltung, Lohnverrechnung, Compliance und allen Systemen, an denen dein Geschäft hängt, solltest du kaufen statt bauen. Hier zahlst du nicht für Funktionen, sondern für Haftung, Updates bei Gesetzesänderungen und einen Support, der erreichbar ist, wenn es brennt.
Sicherheit ist der zweite Grund für Vorsicht. Auch per Vibe Coding gebaute Anwendungen brauchen dieselben Prüfungen wie klassische Software: keine Zugangsschlüssel im Code, saubere Anmeldung, regelmäßige Updates. Ein internes Hilfswerkzeug ist dafür ein guter Übungsplatz, ein öffentliches Kundenportal nicht.
Datenschutz ist der dritte. Sobald ein Tool personenbezogene Daten verarbeitet, gelten die Pflichten der DSGVO für dich, nicht für die KI, die den Code geschrieben hat. Das spricht nicht gegen Selbstbauen, wohl aber dafür, Speicherort und Zugriffe vorher zu klären.
Und die Kosten verschwinden nicht, sie verschieben sich. Statt einer monatlichen Rechnung zahlst du mit eigener Zeit für Bau, Hosting und Pflege. Das rechnet sich dort, wo ein Abo viel kostet und wenig liefert, und selten dort, wo ein Standardprodukt gut funktioniert.
Was sich bei uns verändert hat
Das meiste davon habe ich zum ersten Mal gemacht, einfach mit Claude. Und zum ersten Mal zahle ich nur noch für das, was ich wirklich benutze.
Der größere Effekt ist ein anderer Blick auf Software: Jedes Tool muss sich im Alltag beweisen, sonst fliegt es raus oder wird durch etwas Eigenes ersetzt. Wie wir Unternehmen bei solchen Tool-Entscheidungen begleiten, steht bei unseren Leistungen.




