Das Wichtigste in Kürze
- Kunden kaufen bei Beratung vor allem geteilte Verantwortung. Wissen liefern KI und Google heute gratis.
- Mitverantwortung in der Beratung heißt: für die eigene Empfehlung geradestehen, erreichbar sein und nachsteuern, wenn es schiefgeht.
- KI kann Optionen sortieren und Antworten liefern, aber sie haftet nicht und ist nicht da, wenn eine Entscheidung falsch war.
- Beratung im KI-Zeitalter bepreist man nach dem Wert der mitgetragenen Verantwortung, nicht nach Stunden. Die Entscheidung selbst bleibt beim Kunden.
Kunden kaufen bei Beratung vor allem eines: jemanden, der die Entscheidung mitträgt. Wissen liefert heute jede KI in Sekunden, Verantwortung liefert sie nicht. Das ist meine Sicht als Felix Degeler, Gründer von Degeler Consulting (DC) in Wien, und sie erklärt, warum KI Beratung nicht überflüssig macht.
80 Euro die Stunde, um sich sagen zu lassen, was man ohnehin schon weiß. Am absurdesten findet das ausgerechnet der, der die 80 Euro kassiert. Diese Geschichte hat mir neulich jemand erzählt, der genau davon lebt, und sie trifft den Kern der Frage, wofür Menschen bei Beratung eigentlich bezahlen.
Warum zahlen Kunden für eine Antwort, die sie schon kennen?
Weil sie die Entscheidung nicht allein tragen wollen. Die Bestätigung durch jemanden mit Erfahrung nimmt ihnen einen Teil der Last ab, und das ist ihnen Geld wert.
Die Kunden rufen mit einem Anliegen an, kennen die Antwort aber schon. Manchmal bekommen sie das sogar vorgehalten: Das hat euch jetzt 70 Euro gekostet, warum habt ihr überhaupt angerufen?
Die Antwort ist jedes Mal dieselbe: Es ist besser, wenn noch einmal jemand sagt, dass wir richtig entschieden haben. Erzählt wurde mir das fast entschuldigend, als wäre es unverdientes Geld.
Was kaufen Kunden bei Beratung wirklich?
Geteilte Verantwortung. Das ist das eigentliche Produkt guter Beratung, auch wenn es auf keiner Rechnung so heißt.
Mitverantwortung in der Beratung ist die Zusage, eine Empfehlung nicht nur auszusprechen, sondern ihre Folgen mitzutragen: erreichbar sein, nachsteuern und für die eigene Einschätzung geradestehen.
Meine Antwort auf die Geschichte war deshalb: Genau dafür darfst du Geld nehmen. Menschen zahlen dafür, Verantwortung nicht allein tragen zu müssen. Und wenn dir leichtfällt, was anderen schwerfällt, dann ist genau das dein Produkt.
Wer so anruft, sucht keine Information. Die gab es schon vorher bei Google, und heute liefert sie jede KI in Sekunden. Er sucht jemanden, der die Entscheidung mitträgt.
Was kann KI in der Beratung nicht?
Mittragen. Eine KI kann dir sagen, was richtig ist, aber neben dir stehen, wenn es falsch war, kann sie nicht.
Sie haftet nicht, sie kennt die Folgen nicht aus eigener Erfahrung, und sie ist am nächsten Tag nicht da, wenn es brennt. Sie kennt auch deine Leute nicht, die Vorgeschichte mit dem Lieferanten oder die Stimmung im Team nach dem letzten gescheiterten Projekt, solange ihr das niemand erzählt.
Was KI kann, ist trotzdem eine Menge: Optionen sortieren, Gegenargumente liefern, Entwürfe schreiben. Wir arbeiten bei DC selbst mit Claude, und zwar nach dem Prinzip Human in the Loop: Die KI erledigt die Fleißarbeit, der Mensch verantwortet das Ergebnis. Dieselbe Arbeitsteilung gilt zwischen Beratung und Kunde.
Deshalb glaube ich nicht, dass KI Beratung überflüssig macht. Sie macht nur sichtbar, was Beratung schon immer war, wenn sie gut war. Mehr dazu, warum sich unsere Branche neu erfinden muss: Berater haben ein Glaubwürdigkeitsproblem.
Wie bepreise ich Beratung im KI-Zeitalter?
Nach dem Wert der Verantwortung, die du mitträgst, nicht nach den Stunden, in denen du Wissen weitergibst. Wer weiter nur Zeit verkauft, verkauft genau den Teil, den KI am schnellsten billiger macht.
Der Stundensatz misst Aufwand. Wenn eine KI die Recherche in Minuten erledigt, schrumpft der Aufwand, der Wert einer gut begleiteten Entscheidung schrumpft aber nicht. Wer streng nach Stunden abrechnet, wird für die eigene Effizienz bestraft.
Das heißt nicht, dass jede Beratung pauschal laufen muss. Es heißt, dass im Angebot sichtbar wird, wofür du geradestehst: welches Ergebnis, bis wann, mit welcher Erreichbarkeit. Dann zahlt der Kunde für das, was er tatsächlich kauft, und muss sich nicht fragen, warum ein kurzer Anruf so viel kostet.
So machst du deine Mitverantwortung als Berater:in sichtbar
Indem du sie ausdrücklich vereinbarst, statt sie stillschweigend mitzuliefern. Diese vier Schritte helfen dir dabei.
Schritt 1, Umfang vereinbaren: Leg vor dem Start fest, welche Entscheidungen du mitträgst und welche nicht. Schriftlich, in einfachen Sätzen. Wie so etwas vor Projektstart aussehen kann, zeigen unsere Nutzerbedingungen für die Zusammenarbeit.
Schritt 2, erreichbar sein, wenn es brennt: Sag, über welchen Kanal und wie schnell du reagierst, wenn eine Entscheidung ins Wanken gerät. Der Anruf am Tag danach ist oft der Moment, für den dein Kunde eigentlich bezahlt hat.
Schritt 3, Ergebnis statt Stunden anbieten: Beschreib im Angebot das Ergebnis, das am Ende steht, und nicht die Stunden, die du dafür brauchst. So arbeiten wir bei DC: Umsetzung bis zum Ergebnis statt Folien.
Schritt 4, Entscheidungen dokumentieren: Halte fest, wer was auf welcher Grundlage und wann entschieden hat. Das schützt beide Seiten und macht später nachvollziehbar, dass du nicht nur geraten, sondern mitgetragen hast.
Die Prüffrage für jedes Angebot: Kann dein Kunde in einem Satz sagen, wofür du geradestehst? Wenn nicht, verkaufst du Wissen, und das bekommt er inzwischen gratis.
Wo endet die Mitverantwortung in der Beratung?
Bei der Entscheidung selbst. Die trifft immer der Kunde, und wofür ein Berater haftet, regelt der Vertrag.
Mittragen heißt nicht übernehmen. Wer als Berater Entscheidungen an sich zieht, macht den Kunden abhängig und nimmt ihm genau das weg, was er im eigenen Unternehmen braucht: die Fähigkeit, selbst zu entscheiden.
Mitverantwortung ist auch kein Haftungsversprechen. Die rechtliche Seite gehört sauber in den Vertrag und nicht ins Bauchgefühl. Was ich mittrage, ist die Qualität meiner Empfehlung und meine Präsenz, wenn es darauf ankommt.
Und manchmal braucht es gar keine Beratung. Wer nur eine Fachfrage beantwortet haben will und die Entscheidung ohnehin allein trifft, ist mit einer KI oder einem Fachbuch gut bedient. Bezahlte Beratung lohnt sich dort, wo Verantwortung schwer wiegt.




